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Professor Dr. Lorenz Böllinger

Die Entwicklung zu terroristischem Handeln als psychosozialer Prozess

Beitrag zur AG 1 - Strafverteidigertag Köln - 28.02.2009

Abstract:
Was geschieht mit einem Individuum, wenn es sich einer terroristischen Gruppe anschließt? Hierzu wird ein siebenstufiges Karrieremodell vorgestellt, empirisch gewonnen aus den Lebenslaufanalysen zu RAF-Akteuren der 1970er Jahre. Mit aller Vorsicht wird das Modell auf den aktuellen Terrorismus angewandt. Dabei zeigen sich gewisse Parallelen in den Entwicklungslinien. Einige praktische Konsequenzen werden angedeutet. Beleuchtet wird insbesondere, wie und in welchem Maße staatliche Repressionsmaßnahmen das Prob-lem verschärfen statt es zu lösen.

Das vom derzeitigen Innenminister durchgesetzte BKA-Gesetz steht ganz im Zeichen der "Bekämp-fung des Terrorismus" - so das Gesetzesziel. "War on Terrorism" heißt das auf amerikanisch. Ähnlich wie beim "War on Drugs" ist damit eine entdifferenzierende, polarisierende Wahrnehmung schon programmiert: Der Feind, das Böse, das gänzlich Andere sind mit kriegerischen Mitteln zu bekämpfen. Alternativloses Mittel sei die "Verbesserung der Möglichkeiten bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus durch das BKA" - so die Einleitung des Gesetzentwurfs.
Zu erinnern ist in diesem Zusammenhang an einen anderen Bundesinnenminister: Werner Maihofer initiierte 1977 - es war der Höhepunkt des Linksterrorismus in der Bundesrepublik - ein Projekt zur Erforschung der individuellen, gruppenspezifischen, gesellschaftlichen und ideologischen Bedingungen für Terrorismus. Eine etwa zwanzigköpfige interdisziplinäre Wissenschaftlergruppe arbeitete drei Jahre lang daran. Ich war damals Im Teilprojekt "Lebenslaufanalysen" beteiligt. In diesem Rahmen hatte ich die Möglichkeit Tiefeninterviews mit Häftlingen zu führen, die wegen linksterroristischer Taten verurteilt worden waren. Im übrigen hat das Team durch Analysen von Straf- und Jugendamtsakten, durch Interviews mit Angehörigen, Freunden und Lehrern, durch Auswertung von Selbst- und Fremdzeugnissen etc. sämtliche nur irgend zugänglichen Informationen für die Rekonstruktion der Biografien ausgewertet. Die "Analysen zum Terrorismus" sind bis 1982 fünfbändig erschienen, dann aber quasi in der Schublade verschwunden. Ihre Ergebnisse sind von allgemeiner Bedeutung und auch heute relevant. Der aktuelle internationale Terrorismus mag kraft globaler Vernetzung, höherer Technologien und noch grenzenloserer Menschenverachtung gefährlicher und wirksamer sein. Dennoch lassen sich, so meine These, Parallelen ziehen. Die Forschung erlaubt Rückschlüsse auf universelle Mechanismen und Dynamiken, deren Berücksichtigung aktueller Politik gut täte.
Bevor ich darauf im Einzelnen zu sprechen komme, eine notwendige methodologische Vorbemerkung.

1. Probleme und Prämissen psychosozialer Analysen zum Terrorismus

Der Gegenstand ‚Terrorismus' war und ist der Forschung schwer zugänglich. Die Maßstäbe sonstiger sozialwissenschaftlicher Untersuchungen kann man hier nicht zugrunde legen. Theorien über primäre Faktoren und lineare Kausalzusammenhänge, welche die Entstehung von Terrorismus oder das individuelle Verhalten der Beteiligten erklären oder vorhersagen lassen, ergaben sich aus unserer Untersuchung nicht. Aber eine soziale Dynamik, eine Art bewegtes Phantombild ließ sich rekonstruieren: mannigfache Wechselwirkungen sowie die Abhängigkeit individueller Entwicklung von historischen und sozialen Konstellationen, nicht zuletzt auch zufälligen Bedingungen.
Probleme stellen sich zunächst bei der Begriffsdefinition: der schwierigen Abgrenzung zwischen Freiheitskampf und Terrorismus sowie zwischen verschiedenen Kategorien des Terrorismus - sozialrevolutionär, staatlich, religiös, profitorientiert etc. - ist nur ethnologisch, soziologisch, sozialpsychologisch, normtheoretisch, völkerrechtlich etc. beizukommen, also im komplexen, gegenstandsbezogenen, transdisziplinären Diskurs. Der Charakter auch einer ethisch hochstehenden Freiheitsbewegung kann sich im Zeitverlauf enorm ändern: von hehren Idealen zu schäbigem Egoismus oder grausamem Sadismus. Und - worauf ich mich hier konzentrieren werde - die Diskrepanz von bewussten Zielen und unbewussten Motiven kann extrem sein. Selbst Kriegsgräuel, die ja nicht von allen Beteiligten gleichermaßen ausgeübt werden, sind in diesem Sinne mehrfach determiniert. Jegliches Verhalten ist ein Amalgam, eine Konsequenz von individueller Persönlichkeitsstruktur (Prädisposition), dem innerpsychischen Niederschlag sozio-historischer Verhältnisse (Präzipitation) und Wiederholungszwängen (Perpetuierung) zu tun. Will man diese "drei P's", die individuelle Entwicklung zu kollektiv "eingebettetem" terroristischem Handeln verstehen, sind einige methodologische Grundan-nahmen zu beachten.

1. Lebensläufe von Terroristen werden nicht als isolierbare Einzelschicksale, als Abweichung und Fehlentwicklung untersucht, sondern im gesellschaftlichen und historischen Kontext.

2. Der Prozess der individuellen Verstrickung in kollektives Handeln verläuft stufenweise. Rekonstruiert werden Zusammenhänge und Kontingenzen, also auf jeder Entwicklungsstufe oder -phase eigenständige, maßgebliche Bedingungen des weiteren Verlaufs, aber auch dessen Offenheit.

3. Bei der Frage nach den Triebkräften für das Zustandekommen und den Verlauf terro-ristischer Bewegungen sind zu unterscheiden: a. soziale und gegebenenfalls globale Entstehungsbedingungen des Terrorismus als kollektiver Bewegung; b. Bewusste, explizit artikulierte Ziele und Mittel; c. Verdeckte, unbewusste persönliche Motive und Bedürfnisse; d. Gruppendynamische und massenpsychologische Kräftespiele. Zu fragen ist vor allem: Warum werden unter denselben obwaltenden sozialen oder subkulturellen Bedingungen nur Wenige zu Terroristen?

4. Der individuelle Anschluss an die Gruppe kann zum Einen von bewussten, nicht im engeren Sinne politischen Beweggründen mitbestimmt sein: Suche nach Bindung, Sicherheit, Geborgenheit, Anerkennung, Lebenssinn, Abenteuer. Er kann zum Anderen unbewusst determiniert sein: Traumabewältigung, narzisstische Befriedigung, Größengefühle und Macht als Abwehr von Ohnmachterleben. Später - nachdem die Gruppe sich insgesamt radikalisiert hat - ist die konkrete Tatmitwirkung Resultat totaler Enthemmung und Entsublimierung von Aggression: Diese ist zum Einen geboten vom Gruppen-Über-Ich, dem sich das individuelle Gewissen im inneren Konflikt unterordnet. Zum anderen ist diese auf die letztlich konfliktfreie Verschmelzung von Gruppen- und Individual-Ich zurückzuführen.

5. Für die unbewussten Motive spielen zwar ganz frühe, vor der Bewusstseins- und Sprachentwicklung stattfindende und relativ stabile neuro-physiologische Affekt-Strukturierungen (Bedürfnisse, Angst, Wut etc.) eine entscheidende Rolle, und zwar in Abhängigkeit von der Qualität erlebter frühkindlicher Beziehungen (Prädisposition). Aber das sind keine hinreichenden Bedingungen im Sinne linearer Kausalität: Sie bedürfen enthemmender Prozesse im Sinne der 4. These (Präzipitation).

6. Bewusste Wahrnehmungen, Selbstverständnisse, Ideologien, Sinndeutungen bezüg-lich Selbst und Außenwelt sind im Prinzip sekundär, abhängig von inneren Wahrnehmungsstrukturen, die wiederum mit der primären Affektstruktur zusammenhängen. Es handelt sich dabei zum Einen um mentale Muster, Resultate eines intraindividuellen, affektiv-kognitiven, bewusst-unbewussten Interaktionsprozesses mit primär-familialen und gesellschaftlichen Bedingungen. Je defizitärer die frühkindlichen Beziehungen im Hin-blick auf Konsistenz und Stabilität des Schutzes und der Zuwendung, desto stärker fixiert sich eine entsprechend verhaltensmotivierende Affektstruktur. Deren Funktion ist psychische Stabilisierung und Abwehr von Ohnmacht- und Angstaffekten mittels Wahrnehmungsspaltung der Welt in Gut und Böse sowie entsprechender Projektionen und Realitätsverzerrungen. Das geschieht z.B. mittels Verschmelzung mit einer idealisierten Gruppe im Hass auf und Kampf gegen das als das Böse wahrgenommene. Zum Anderen spielt die vorgefundene Außenrealität eine große Rolle: Je realer und unwiderleglicher die destruktiven und deprivierenden, leidvollen äußeren Tatsachen der inneren Realität - Perzeption, Konstruktion - entsprechen, desto intensiver entwickelt sich eine affektiv und kognitiv fundierte Opfer-Identifikation. Im Übrigen kann die kollektive Ideologie - z.B. Anti-Imperialismus - die bewusste Handlungsmotivation qua Spaltungsmechanismus verstärken, bleibt aber sekundäre Konstruktion.

Nun zu den Ergebnissen im Einzelnen:

2. Entwicklungsstufen der terroristischen Karriere

In der Untersuchung des deutschen Links-Terrorismus wurden idealtypisch sieben Entwicklungsstufen rekonstruiert. Dieses Karrieremodell orientiert sich am zirkulären Interaktionsprozess zwischen individuellem Verhalten, Gruppenprozessen, gesellschaftlichen Strukturen und staatlicher Reaktion. Im Folgenden werden die Stufen einzeln vorgestellt - zu dem heu-ristischen Zweck, den historisch und sozial so ganz anders gelagerten, sogenannten "Internationalen Terrorismus" jeweils damit zu vergleichen. Erkenntnisleitend ist die Frage, ob Parallelen zu den aktuellen Vorfällen gezogen werden können. Im Gegensatz zum deutschen Terrorismus wissen wir allerdings nur sehr wenig über die psychosozialen Hintergründe der heutigen Global-Terroristen.

2.1 Erste Stufe: Frühe Belastungen in der Familie oder dem Familienersatz (z.B. Heimerziehung).

Hierzu waren in den deutschen Terroristen-Biografien signifikante Strukturen oder Vorfälle erkennbar, die sich in Persönlichkeitsstrukturen niederschlugen. Aus psychologischer Sicht weisen einige durchaus das auf, was man als kumulatives oder Entwicklungs-Trauma bezeichnen kann. Diese wirkten sich im Sinne von Abwehr- und Schutzmechanismen wiederum auf die Entscheidung - und die Geeignetheit - für eine Gruppenintegration und das in der Gruppenentwicklung gezeigte Verhalten aus. Die gefundenen Belastungen waren - im Unterschied zur Normalbevölkerung immerhin so gravierend gewesen, dass sie zu schwer-wiegenden Konflikten, nicht selten auch zum Bruch mit der Familie und der bisherigen Umwelt geführt hatten. Die Frühereignisse ließen uns die Bereitschaft verstehen, eine als bedrückend erlebte Umwelt zu verlassen und sich Gruppierungen mit kontrastierender Lebensweise anzuschließen. Besonders plausibel erschien das, wenn die Kindheit durch massive Zuwendungsausfälle und soziale Defizite bestimmt gewesen war. Dann bot die spätere Gruppe, meist selbst erst im unauffälligen Anfangsstadium terroristischer Entwicklung, als Ersatzfamilie Geborgenheit und Lebensorientierungen.
Als Alternative zum Konzept defizitärer Familiensozialisation bietet sich an, die defizitären Umweltbedingungen von Heim- oder Lager-Sozialisation zu betrachten. Hier haben die subkulturellen Bedingungen von vornherein zu Defiziten an konsistentem Zuwendungs- und Bindungserleben geführt und zugleich entsprechende kognitive Konstruktionen in Form kollektiver Phantasmen und Ideologien erzeugt. Hier erfolgt von vornherein ein Hineinwachsen in "abweichende Konformität", in das Empfinden von Ohnmacht und Wut sowie entsprechende Handlungsbereitschaften.
Gibt es Anhaltspunkte insbesondere bei den islamistischen Terroristen, dass auch sie eine vergleichbare Traumatisierungen erlitten haben? Hier einzuordnen sind Berichte, wonach insbesondere palästinensische Selbstmord-Attentäter unter extrem defizitären Umweltbedingungen sozialisiert wurden, z.B. in Lagern oder als Bürgerkriegswaisen, als Migranten oder Kinder von durch Migration traumatisierten Eltern. Ähnliches könnte für die Taliban gelten, soweit sie ohne Eltern und Frauen und unter Bedingungen fanatisch-religiöser Gruppenmoral aufwuchsen. Bei denjenigen Attentätern, die aus wohlhabenden oder vergleichsweise intakten Sozialisationsbedingungen stammen, wäre nach äußerlich nicht erkennbaren Merkmalen frühkindlicher Mangelsozialisation - z.B. emotionale Kälte - zu fragen. In Betracht käme auch eine besonders rigide Über-Ich-Struktur, welche die massive Identifizierung mit den Opfern beispielsweise des Palästina-Konflikts und ihre Integration in entsprechende Gruppierungen verstehbar machen könnte. Bei extrem kinderreichen Familien oder bei gestörten Familienverhältnissen käme das in Betracht (wobei die Unterschiede der Sozialisation und Kulturerfahrungen zu berücksichtigen sind).
Betont werden muss nochmals: solche sozialisationsbedingten Dispositionen sind nicht als "Ursachen" misszuverstehen, sondern als Risikofaktoren, welche erst bei Hinzutreten weiterer Bedingungen und Zufälle geeignet sind, die Entwicklung zu einer nächst höheren Stufe zu bahnen.

2.2 Zweite Stufe: Bruch mit der bisherigen Umwelt und oppositionelle Politisierung.

Ablösungsversuche führten die jungen Deutschen in unterschiedliche, zum Teil unpolitische Randgruppen, Lebens- und Wohngemeinschaften. Bald gelangten sie dann in den Einflussbereich von 'Gegenkulturen', vor allem der Studentenbewegung und deren späterer Ausläufer. Die Politisierung folgte dem oftmals erst nach. Politische Einsicht war nicht notwendig der Auslöser, sondern häufig eine Phase persönlicher Probleme und Konflikte. Bei der all-mählichen Integration in eine soziale Bewegung begegneten die jungen Deutschen neuen politischen und kulturellen Zielen sowie Hoffnung auslösenden Verheißungen. Beteiligte erinnern, dass diese Zeit mit tief reichenden Erfahrungen als möglich erlebter Gesellschafts-, aber auch Selbstveränderung verbunden war. Im Gegensatz zur vorher erlebten Ohnmacht empfanden sie jetzt Wirkungsmächtigkeit, zuweilen sogar Euphorie.
Bald folgte allerdings auch das frustrierende Erlebnis von Ablehnung durch die Mehrheitsgesellschaft und von Gegenkräften staatlicher Institutionen. Teilweise geriet die staatliche Repression schon jetzt überschießend und überdehnte die Grenzen der Rechtsstaatlichkeit. Dies nährte wiederum die Ohnmachtempfindungen und deren Abwehr durch Allmachtsphantasien der Terroristen, bestätigte ihre Rationalisierungen ("Schweine-System!") und förderte die Eskalation. Für diese Schaltstelle der möglichen terroristischen Karriere kann man übrigens die Anomie-Theorie heranziehen: Eine sozialstrukturelle Diskrepanz zwischen anerkannten Zielen und legitimen Zugangswegen zur Erreichung solcher Ziele kann abweichendes Verhalten auslösen. Gesellschaftliche Zuschreibungsmechanismen (‚labeling') führen zu einer entsprechenden Rollenübernahme durch dafür disponierte Individuen und Gruppen.
Lassen sich auch hierfür Parallelen im aktuellen Terrorismus finden? Zu denken ist an die extremen sozialen, ethnischen und religiösen Spannungen, an tatsächliche Unterdrückung, Ungleichheit, Diskriminierung und Not in der Nah-Ost-Region. An solchen Zuständen können sowohl selbst betroffene als auch ‚authentisch mitfühlende' bzw. sich aufgrund innerpsychischer Bereitstellung identifizierende Individuen und dazu sich zusammenschließende Organisationen anknüpfen. Möglicherweise sind es zunächst helfende, dann aber zunehmend freiheitskämpferisch und politisch sich verstehende Aktivitäten, Anklagen, Skandalisierungen, Zuschreibungen von Opfer- und Täterpositionen. Die in diesen noch undemokratischen Ländern herrschenden Clans und Cliquen ebenso wie die mächtigen westlichen Demokratien ignorieren teils hilflos, teils zynisch die Sozialprobleme. Die tatsächlich oder mutmaßlich Verantwortlichen bleiben untätig oder betreiben eine heuchlerische, widersprüchliche oder jedenfalls wenig perspektivische Interessenpolitik. All dies verstärkt den Regelkreis von Identifizierung und Polarisierung. Aus Enttäuschung und Ohnmachtgefühlen resultieren wiederum Wut und Rachephantasien. Die Ohnmacht wird im Sinne des "David-erschlägt-Goliath"-Mythos in der Phantasie zu Allmacht umgekehrt. Das Gemisch aus Realitätskonstruktion und Wut gebiert gruppendynamisch aufgeheizte Phantasien, Handlungsbereitschaften und letztlich Taten.

2.3 Dritte Stufe: Rückzug in einen Kreis Gleichgesinnter.

Graduell verschärft sich die Polarisierung zum reinen Freund-Feind-Denken. Damit schichten sich die Kontakte um, das Umfeld homogenisiert und beschränkt sich, die Gruppe radikalisiert sich, driftet erst jetzt als Ganze in den Extremismus. Noch besteht allerdings ein lockerer Zusammenhang mit einem Umfeld: zum einen der sozialen Bewegung, aus der heraus sich einige Individuen radikalisiert haben und deren Ideen radikalisiert wurden. Als deren heroisch-konsequente "Delegierte" konnten sich diese Einzelnen verstehen und entsprechend "grandios" fühlen. Und von denen kommt, teils verhaltene Sympathie, teils "klammheimliche Freude" oder unverhohlene Akklamation. Oder der "Sympathisantensumpf" wird in diffuser Weise von Politik und Medien konstruiert und von den sich als "Avantgarde" stilisierenden Radikalen als real und ermutigend vorgestellt.
Daraus resultiert durchaus bereits eine Art Wechselwirkung, welche Größen- und Verachtungsgefühle gegenüber der "passiven und furchtsamen Masse" - eine Art Kader-Selbstverständnis und entsprechendes Machtgefühl - sowie entsprechende weitere Radikali-sierung und Aktionen beflügeln kann. Zugleich reagiert die Bevölkerungsmehrheit zunehmend abweisend und aggressiv. Es kommt zu einer Aufschaukelung von Absetzbewegung und Minorisierung, von Ausstieg und Ausgrenzung, von wechselseitiger Isolierung. Dies war im deutschen Falle das Vorstadium jener für die späteren terroristischen Gruppen charakteristischen Abkoppelung und Denkisolation, in der eine Auseinandersetzung mit Gegenpositionen nicht mehr stattfand.
Haben derartige Prozesse von Entdifferenzierung und Spaltung auch im heutigen Global-Terrorismus stattgefunden? Hierüber kann man nur mutmaßen. Immerhin ist der Terrorismus auch im Nahen Osten trotz realer sozialer Dramatik kein Massenphänomen geworden. Religiöser Fundamentalismus oder die Bewunderung dieser "Heroen" durch sozial deprivierte Massen - z.B. in den Palästinenserlagern - und damit einhergehende psychische Prozesse der Wahrnehmungsverzerrung und Realitätsverleugnung können als Vorstufe bzw. Rekrutierungsfeld bzw. Sympathisanten-Umfeld im eben beschriebenen Sinne angesehen werden. Dem muss nicht widersprechen, dass die New Yorker Suizid-Terroristen, diverse andere und erst recht die heutigen "home-grown terrorists" jahrelang unauffällig in der westlichen Kultur gelebt haben. Ihrem Sendungsbewusstsein entspricht vermutlich ein intensives Größengefühl: die Grandiosität des von einer großen, sympathisierenden, jedoch zu passiven oder furchtsamen Masse delegiert und auserwählt Seins. Solche Größengefühle dienen im Grunde der Abwehr von heftigen Angst- und Ohnmachtaffekten. Sie ermöglichen über Jahre hinweg eine Art bewusster, geradezu lustvoller Persönlichkeitsspaltung: Einerseits das unauffällige Mitschwimmen in der verachteten Kultur - bis hin zu Porno-Konsum; andererseits - ähnlich wie bei Geheimagenten - das Hochgefühl, absolut überlegen zu sein und Teil einer großen, schützenden, klandestinen, zugleich aber legitimen und deshalb "guten" Macht zu sein. Unterstützt werden solche Größengefühle durch den mythischen und erotisierten Glauben an ein paradiesisches Jenseits mit vielen Jungfrauen.

2.4 Vierte Stufe: Konformismus in der Kontra-Kultur.

In den deutschen Gruppen der 1970er Jahre vereinheitlichten sich Wertorientierungen und Realitätsbeurteilungen. Es entstand ein Sinnsystem eigener Art, das Grenzen setzt, Hemmungen auslöst, Rücksichten und Loyalitäten gebietet. In der nahezu vollkommenen Isolation von der Umwelt setzte es neue Standards von richtig und falsch sowie von gut und böse. Die Gruppenmoral enthält einen hohen Anteil 'normalen' Sozialverhaltens und durchaus auch in bürgerlichen Familien ansozialisierte Tugenden wie Treue und Verlässlichkeit, nur eben in einem anderen Bezugssystem. Die Betreffenden wollen Erwartungen erfüllen und leiden unter Schuld- und Versagensgefühlen, wenn das nicht gelingt. So setzen sie sich aufgrund expliziter oder mutmaßlicher Aufforderung durch die Gruppe großen Gefahren aus, sind zu Gewalt und Tötung imstande. Zweifel gegenüber dem neuen Wertsystem werden durch rigide Entwertung als kleinbürgerliche Rückfälle, Unzuverlässigkeit, Feigheit, Verrat sanktioniert; ein Entzug der Gruppengeborgenheit droht.
Diese Phase der terroristischen Sondersozialisation konnte in der deutschen Studie besonders reichhaltig belegt werden. Gruppenloyalitäten hatten für die Beteiligung an terroristischen Aktivitäten und damit für ein fortgeschrittenes Stadium der terroristischen Karrieren zentrale Bedeutung. Der moralische Rigorismus erschien durch die frühe Sozialisation vorgeformt und wurde dann je nach umgebender Kultur weiter ausgestaltet. Maßgeblich dafür ist die zugrundeliegende Affektstruktur. Die inhaltlich legitimierenden Bewusstseinsinhalte sind austauschbar, nicht jedoch die Aktionsmoral. So wird die Gruppe zur Projektionsfläche für die individuellen, zur Abwehr der ursprünglichen Ohnmachtempfindungen geeigneten Allmachtsphantasien. Ich-Funktionen werden teilweise oder ganz an die Gruppe abgegeben. Mit der idealisierten Organisation identifiziert man sich: Selber fühlt man sich so grandios wie die Gruppe sich selbst-idealisierend definiert. Das vermag primär gestörte oder sekundär bzw. reaktiv durch den Stress der Aufschaukelung psychisch belastete Individuen zu stabilisieren. Dieser Prozess kann i.S. einer Trotz- und Verleugnungsreaktion, einer Verkehrung der narzisstischen Kränkung in Verachtung der "Schwachen", noch interaktiv verstärkt werden durch eine allmähliche Abwendung und Distanzierung des "Sympathisanten-Umfeldes".
Die Gruppe funktioniert in gewisser Weise selbst wie ein Organismus: Die Vereinseitigung des Realitätserlebens und der Realitätsdeutungen verstärkt unbewusste Ängste, welche wiederum die Fanatisierungs- und Polarisierungsprozesse sowie die entsprechende Abwehr durch Größenfantasien und - nunmehr technisch mögliches - Allmachtverhalten interaktiv verstärken. Die Gruppenideologie und die bewusst für legitim und gut erachteten Ziele rechtfertigen jegliches Mittel. Psychologisch bezeichnet man das als Primärprozess im Gegensatz zum Sekundärprozess, nämlich jeglichen Formen von Deliberation.
Ich halte solche Mechanismen für universell. Sie wirken auch und möglicherweise in noch unvermittelterer Weise bei aus anderen Kulturkreisen stammenden Menschen und für international operierende Gruppen. Lediglich die Dimensionen und Legitimations- bzw. Rationalisierungsfiguren verschieben sich je nach historischem Anlass, kulturellem Rahmen und politischer oder religiöser Ideologie - und natürlich auch gemäß den technologischen Möglichkeiten. Im aktuellen Terrorismus ist es, verglichen mit dem deutschen Fall, nicht nur die pseudo-politische, auf ‚Revolution' gepolte Identität, welche das Gruppengefüge zusammenbindet und absoluten Gehorsam vermittelt. Die religiöse Überhöhung, das rauschhafte Gefühl der Auserwähltheit und messianischen Sendung ermöglichen eine weitaus höhere Gruppen- und Selbstidealisierung.

2.5 Fünfte Stufe: Selbstdefinition als Kombattanten

Im Zuge sowohl der ideologischen und gruppendynamischen Verselbständigung als auch einer gewissen Dezentralisierung und Entkoppelung der "Generationen" hatten Begriffe wie "Stadtguerilla" und "Antiimperialistischer Kampf" zunächst noch den Stellenwert von Metaphern, mit denen eher spielerisch und selbsterhöhend umgegangen wurde. Mit der Zeit wurde daraus ein unvermitteltes instrumentelles Denken, eine entsprechende Selbstdefinition. Diese wurde zunächst von der umgebenden Linken, insbesondere von den Unterstützergruppen übernommen und förderte im Sinne eines Zuschreibungsprozesses wiederum deren grandiose Selbstdefinition.
Das terroristische Selbstverständnis als Krieger bezeichnet eine weitere Verselbständigung, wonach ein Ausstieg kaum noch möglich erscheint. Gewalt wird zu Gewalt gegenüber Feinden, Tötung zum Töten von Gegnern. Man wähnt sich ,im Feindesland', interpretiert eigene Aktionen als militärische Operationen, denkt und spricht in Begriffen und Kategorien einer militärischen Terminologie. Die Kriegsanalogie wird zur psychologischen Bedingung terroristischen Handelns. Kriminologisch gesehen wirkt die Geltendmachung des Kriegszustandes als Neutralisationstechnik, welche die neue Wertorientierung stützt, Schuldgefühle ausschaltet und Hemmungen herabsetzt. Im Falle der RAF beherrschte diese Metaphorik die propagandistischen Verlautbarungen nach außen und die Diskussion innerhalb der Gruppe. Auch entlastete sie von noch vorhandenen Skrupeln. Die staatliche Terrorismusbekämpfung der Bundesrepublik bemühte komplementär ebenfalls militärische Denkmuster, was unter den Gruppenmitgliedern geradezu mit Genugtuung als Bestätigung wahrgenommen wurde.
Einiges von diesen Mustern lässt sich im aktuellen Terrorismus und in den Reaktionen der Weltgemeinschaft wiederfinden. Doch eine Analogisierung hinsichtlich des al-Qaida-Terrorismus angesichts des weltpolitischen Kontextes erscheint problematisch. Die kriminologische Deutungskompetenz reicht nicht weit genug, um hier mehr als spekulative Anfangshinweise zu geben. Immerhin wurden die Terroranschläge des elften September offenbar von den Tätern und den mutmaßlichen Hintermännern mit der expliziten Zielsetzung einer Destabilisierung der USA begangen. Deshalb eigneten sie sich für die Definition als Kriegsangriffshandlung und die entsprechende Kriegs-Reaktion der USA gegen das den Terroristen Schutz gewährende Taliban-Regime. Bei objektiver Betrachtung scheint es sich jedoch gleichwohl qualitativ um einen einzelnen Akt von ‚klassischem Terrorismus' zu handeln. Anders, nämlich nur im Rahmen eines spezifischen Bürgerkriegs- oder Guerillakampf-Paradigmas, dürften die suizidalen Terrorakte der Palästinenser in Israel einzuschätzen sein.

2.6 Sechste Stufe: Übernahme der Metaphorik vom Krieg und staatliche Kriegserklä-rung an die Terroristen

Die allgemeine Kriegsrhetorik der deutschen terroristischen Gruppierungen, einschließlich der Rede von den "Kriegsgefangenen" und den ihnen nach Genfer Konvention zu gewäh-rendem Status wurde immer massiver. Der Kriegsdiskurs wurde nunmehr ein Stück weit aufgenommen. Im typischen Verstärkerkreislauf von Medien, Politik und (ver-)öffentlich(t)er Meinung wurden nunmehr die Ängste der Bevölkerung sowohl unverhältnismäßig geschürt als auch zur Legitimation umfassender und rechtsstaatliche Garantien abbauender Maßnahmen instrumentalisiert. Die Geltendmachung der Genfer Konvention wurde zwar empört zurückgewiesen, ansonsten wurde aber die Kriegsmetapher aufgenommen, und zwar sowohl ideologisch und symbolisch als auch instrumentell.
Genau dies entpuppte sich in einem länger andauernden Wechselwirkungsprozess als fatale Bestätigung und Steigerung der narzisstischen Größenphantasien der Terroristen. Jenseits jeglicher demokratischer Institutionen sahen sie sich nun ernst genommen, "auf gleicher Augenhöhe" wie die Exekutive: Eine unbeabsichtigte Nebenwirkung.
Auch die aktuelle gesellschaftliche Thematisierung, die massive weitere Einschränkung von Freiheitsrechten, wie sie nunmehr vom BKA-Gesetz oder auch von Maßnahmen der EU (Gössner 2009) vorangetrieben wird, scheint den in ihrer weltweiten Zerstreutheit eigentlich real ohnmächtigen Individuen nunmehr ihre "Grandiosität" widerzuspiegeln und zu bestätigen. Die mediale "Bühne", welche man ihnen bietet, wirkt geradezu motivationsverstärkend.
Eine besondere Rolle spielte damals zum Einen die rigoros ausgrenzenden und in paradoxer Weise zugleich privilegierenden Haftbedingungen. Ein Gutteil des "Terrorismus der 2. u. 3. Generation" wurde dadurch erst erzeugt. Auch dies eine unbeabsichtigte Nebenwirkung.
Zum Anderen veränderte die im Zuge der Terrorismusgesetzgebung erstmals deutlich werdende Schmälerung von Bürgerrechten das Klima in der Republik. Vorangegangen war ja eine Phase der Liberalisierung. Die neuen strafprozessrechtlichen Instrumente - Rasterfahndung, Razzien, Kontaktsperre, Telefonüberwachung etc. - symbolisierten unabhängig von ihrer empirisch dann festgestellten Wirkungslosigkeit die entsprechende Entschlossenheit des Staates. Die Masse der Bevölkerung reagierte darauf zwar affirmativ oder gleichgültig. Es gab aber doch eine inzwischen gewachsene, liberal und demokratisch eingestellte intellektuelle Elite, welche diesen Freiheitsverlust konstatierte, den Nutzen hinterfragte und die daraus folgenden Ängste vor einem übermäßig kontrollierenden, tendenziell totalitären Staat beschwor. Der Projektteil "Gesellschaftliche Reaktionen" des erwähnten BMI-Forschungsprojekts hat diesen unbeabsichtigten, aber unausweichlichen gesellschaftlichen Kollateralschaden in profunder Weise nachgezeichnet und analysiert.
Den gleichen Fehler machen nunmehr Politik und Gesetzgebung bezogen auf die "Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus", insbesondere und so massiv wie nie zuvor durch das BKA-Gesetz. Dazu gleich.

2.7 Siebte Stufe: Terroristen in der Haft - Weiterradikalisierung oder Ausstieg?

Als letzte Weichenstellung einer terroristischen Karriere interessiert die Situation der Haft. Jetzt werden Ablösungsprozesse wieder möglich. Drei völlig verschiedene Entwicklungen waren bei den deutschen Terroristen zu beobachten. Zum Einen bewirkte die Haftsituation eine extreme Weiterradikalisierung mancher Terroristen. Hier führte die Ohnmacht des Gefangenendaseins zu einem Wiederholungserlebnis des früheren Gefühlserlebens von Unterdrücktsein, zumal wenn überschießende Haftbedingungen dazu Anlass gaben. Bei Anderen bewirkte die Haft, vor allem wenn ihre Bedingungen als unmenschlich erlebt wurden, eine weitere innere Distanzierung von der gegenwärtigen Gesellschaft, ohne dass neue politische und terroristische Aktivitäten ins Auge gefasst wurden. Die Reaktion ging gleichsam nach innen und äußerte sich in dumpfer Empörung, Depression und Resignation. In einer dritten Kategorie von Fällen stellte die Haftzeit dagegen die innere Unabhängigkeit von kollektiven Denkweisen wieder her und trug so zur allmählichen Loslösung vom Terrorismus bei. Die schmerzhafte Operation der Befreiung und Selbstbefreiung von der Gruppe kann durch intensive menschliche Kontakte und Hilfsangebote unterstützt werden. Für die Praxis heißt das, dass und sei es mit einer gewissen Risikobereitschaft - die Entstehung neuer sozialer Bezüge möglich gemacht und auf diese Weise der Zustand der Isolation und Perspektivlosigkeit beendet wird. Gerade dieses letzte Stadium der terroristischen Karriere verdient sensible Aufmerksamkeit. Erst die Zukunft wird erweisen, ob ähnliche Verläufe jemals bei Terroristen vom Typus al-Qaida zu beobachten sein werden.

3. Fazit aus kriminologischer Sicht

Mitglieder terroristischer Gruppen haben ihr soziokulturelles Bezugssystem ausgetauscht. Es handelt sich um eine Variante politischer Sozialisation. Manchmal handelt es sich dabei sogar um eine Primärsozialisation - siehe Taliban. Meist jedoch ist es die allmähliche Herauslösung aus der Mehrheitskultur und die Integration in eine politische Subkultur mit abweichenden, ‚eigen-sinnigen' Verhaltensmustern, Wert- und Loyalitätsvorstellungen, rigiden Konformitätszwängen. Die Entwicklung zu politischer Militanz ist ein Umorientierungs- und Anpassungsvorgang, der sich aus universellen Mechanismen der Interaktion und Erfah-rungsverarbeitung sozialpsychologisch durchaus verstehen lässt. Es handelt sich um eine Sozialisation in die abweichende Konformität, zu interpretieren auch aus den Wertorientierungen, Gruppenzwängen und der ‚Lebenswelt', auf die sich jene Konformität bezieht.
Bevor indessen die früheren Forschungsresultate auf den aktuellen Terrorismus übertragen werden, müssten dessen veränderte Bedingungen näher untersucht werden. Schon das Verhältnismäßigkeitsprinzip - als oberster Verfassungsgrundsatz unserer Gesetzgebung und Verwaltung, ja des Völkerrechts und unserer Zivilgesellschaft überhaupt - verlangt, dass eine gründliche Analyse zum Problem und seinen Lösungsoptionen sowie zum Szenario der jeweiligen erwünschten und möglicherweise unbeabsichtigten Folgen staatlicher Maßnahmen vorgenommen wird. Aus der Kritik des Umgangs mit den Ergebnissen des erwähnten BMI-Forschungsprojekte müsste abgeleitet werden, nun erst Recht weitere Forschung zu betreiben um die Politik sachgerecht beraten zu können und Interventionsmaßnahmen durch Forschung zu begründen. Forschungsbedarf sehe ich auf drei Ebenen:

1. Diskurs- und Inhaltsanalyse
Vieles spricht dafür, dass der globale Terrorismus-Diskurs heute vergleichbaren Mechanismen unterliegt. Derzeit ist - beispielsweise wie damals - die Definitionsherrschaft völlig in den Händen von Polizei, Geheimdiensten, Politik und Medien. Ähnlich dem Begriff der "Organisierten Kriminalität" bleibt die Begrifflichkeit des Terrorismus diffus. Schlichtweg vorausgesetzt wird die "terroristische Gefahr", woraus unter anderem der Sachzwang "Gefahrermittlung" resultiert, welcher z.B. das BKA-Gesetz durchzieht und legitimiert. Die Möglichkeit, dass es sich dabei um Begriffsverwirrungen und realitätsferne Konstrukte handelt, bleibt ausgeblendet.
Aus solcher Kritik folgt die Notwendigkeit von 2.:

2. Analyse des Realitätsgehaltes der postulierten terroristischen Gefahren
Nur wenige zaghafte Stimmen wagen die Infragestellung der aktuellen Gefahreinschätzungen, z.B. kürzlich Todenhöfer (2009) in der Süddeutschen Zeitung. Evident erscheint mir entgegen den Annahmen des BKA-Gesetzgebers die zunehmend dezentrale und heterogene Struktur des globalen Terrorismus. Angesichts der universellen Verfügbarkeit von Gebrauchs- und Handlungsanweisungen im Internet handelt es sich immer weniger um grenz-überschreitend oder gar global bzw. hierarchisch aufgebaute Organisationen. Es geht vielmehr um weltweit verstreute, selbsterklärte Teilhaber z.B. am al-Quaida-System. Ähnlich der weiteren Entwicklung des Linksterrorismus in den 70er und 80er Jahren sowie der Entwicklung des Rechtsextremismus heute erscheint der globale Terrorismus als Sammelbe-cken für verstreute, ideologisch letztlich ungefestigte Individuen. Diese sind im Sinne der eingangs geschilderten Sozio-, Psycho- und Gruppendynamik determiniert und ergreifen die ihnen gesellschaftlich gebotene Chance, durch die immense medialer Verstärkerwirkung "grandios" herauszukommen.
Daraus folgt wiederum die Notwendigkeit von 3.:

3. Analyse der Bekämpfungsmaßnahmen: Wirksamkeit und unbeabsichtigte Nebenwirkungen
Schon jetzt spricht einiges für die Wirkungslosigkeit, Dysfunktionalität und Kontraproduktivität z.B. der so tief wie nie zuvor in Verfassungsprinzipien und Bürgerrechte eingreifenden Instrumente des BKA-Gesetzes. Wie einfach ist es doch z.B. für die Böswilligen sich der Online-Durchsuchung oder Wohnraumüberwachung zu entziehen. Angesichts der skizzierten dezentralen Struktur und indirekten bzw. symbolischen Funktionsweise des Terrorismus bleiben die Möglichkeiten absoluten Schutzes notwendig begrenzt. Jedenfalls wäre die Effektivität aus neutraler Sicht genauer zu prüfen.
Die überschießende, weil politisch-medial unangemessen verstärkte Terrorismus-Angst legitimiert extreme rechtliche und institutionelle Maßnahmen. Die Devise heißt offensichtlich: "Der Zweck heiligt die Mittel" Die unhinterfragte Unterstellung der extensiven Bedrohungsrealität und die Zurückweisung bzw. Entwertung kritischer Stimmen sind - psychologisch gesprochen - ein primärprozesshafter Vorgang, eine Beeinträchtigung rationalen, abgewogenen Verhaltens. Die bedingungslose Verfolgung auch noch so guter Zwecke entgleist leicht sektiererhaft in Fanatismus und Extremismus.
Zwar stimmt die Masse der Bevölkerung den Maßnahmen zu, weil sie vordergründig und symbolisch die Fähigkeit von "Vater Staat" suggerieren, Schutz zu gewähren. Unbewusst wird aber die Primitivität und faktische Unangemessenheit des Agierens der Autoritäten wahrgenommen. Daraus resultieren Vertrauensverlust und Verunsicherung, auch weil das Schutzversprechen nicht wirklich eingelöst werden kann. Dadurch steigen wiederum Angst und Verunsicherung sowie weitere Selbstentmündigung im Sinne der unterwürfigen Akzeptanz gegenüber dem autoritären, alles kontrollierenden Staat. Sozialpsychologisch kann man von einer kollektiven Regression sprechen. Wie die Beispiele der "kriegerischen" Bekämpfung des Linksterrorismus oder neuerdings der Irak-Krieg zeigen, wird die Bekämpfung im Sinne einer self-fulfilling prophecy selbst zur Mit-Ursache des Problems (Kemmesies, 2007, sprich von "Co-Terrorismus"). Die medial vermittelten Bedrohungs-Szenarios werden als reale Bedrohung wahrgenommen und erzeugen Angst, welche weitere Vereinfachungs- und Radikalisierungstendenzen nach sich zieht. Bei anderen, eher nachdenklichen und intellektuellen Teilen der Bevölkerung, insbesondere aber bei den von den Überwachungsmöglichkeiten direkt betroffenen Berufsgruppen, erzeugt umgekehrt die ausufernde staatliche Kontrolle Ängste. Begründete Ängste nämlich vor Gesinnungsstrafrecht und anderen totalitären Entwicklungen, welche das Lebensgefühl einschränken und Aktivitäten lähmen.
Nicht zu unterschätzen sind unbewusste Aspekte dieser Prozesse: Abgeschafft werden ja durch das BKA-Gesetz Begrenzungen und prozedurale Voraussetzungen staatlicher Überwachung. Ein Extrem ist die Beseitigung von essentiellen Schutzräumen durch Überwachung von Rechtsanwälten, Ärzten und Psychotherapeuten, durch die Aushöhlung der Schweigepflicht. Die Vorverlagerung der Kontrolle unter dem euphemistischen Motto "Gefahrenvorsorge", Vorratsdatenspeicherung und Gefahrverdachtsermittlung auch bei gänzlich Unbeteiligten, das vorbehaltlose, geheimdienstliche Eindringen in die Intimsphäre, all das erzeugt ein Gefühlserleben von Generalverdacht und Willkür. Das hat Auswirkungen auf das Unbewusste der Individuen, und zwar unabhängig von bewussten weltanschaulichen Einstellungen: Erschütterung des Urvertrauens, vorauseilende Selbstkontrolle, Abkapselung, Unverarbeitbarkeit von Angst und Wut, Identitätsverlust: eine Art Traumatisierung. Das sind nicht zu unterschätzende weil typische psychosoziale Auswirkungen totaler Kontrolle und totalitärer Staatlichkeit. Überprüfbar ist solches an den neuerdings thematisierten traumati-schen Folgen der DDR-Sozialisation. Auch das handwerkliche Unvermögen des Gesetzgebers bei der Formulierung des BKA-Gesetzesungetüms sowie der gänzlich unzulängliche Rechtsschutz sind geeignet den Bürger zu beunruhigen.

4. Konsequenzen für Politik und Kultur

Erforderlich wäre im Sinne des Verhältnismäßigkeitsprinzips ein die Problemwahrnehmung vertiefender und differenzierender Diskurs. Selbst wenn man die behaupteten Risiken empirisch belegen kann, bedarf es einer normativen Abwägung. Es fehlt an einer sachlich und nüchtern fundierten Kosten-Nutzen-Analyse, der verfassungsrechtlich gebotenen Abwägung der Resultate insbesondere der 2. und 3. Ebenen, die ich genannt hatte. Statt bedingungsloser Akzeptanz der Risikodefinitionen von Polizei und Geheimdiensten als unhinterfragtem Sachzwang bedarf es einer normativen Verständigung über geeignete, erforderliche und proportionale Maßnahmen. Gegenüber dem Linksterrorismus der 70er Jahre hätte statt der die Größenphantasien der Gruppenmitglieder bestätigenden Sonderbehandlung eine "normalisierende" Umgangsweise in Strafverfahren und Strafvollzug praktiziert werden sollen - dann wäre einiges an Sekundärterrorismus erspart geblieben. Bei einer nüchterneren Betrachtungsweise des Linksterrorismus als schwere Kriminalität hätte sich früher herausgestellt, dass herkömmliche kriminalistische und strafprozessuale Möglichkeiten ausgereicht hätten. Mängel bestanden allenfalls in der praktischen Umsetzung regulärer rechtlich Möglichkeiten.
Kontraproduktiv, weil gleichsam die Spiegelung des Terrorismus, ist jedenfalls eine Politik des "Der Zweck heiligt die Mittel" und die Fokussierung auf kriminalistische "Gefahrermittlung". Dies auch, weil der gesellschaftliche Kontext des Geschehens aus dem Blick gerät: die Analyse der gesellschaftlichen Bedingungen des hier modellhaft skizzierten psychosozialen Prozesses eröffnet die Möglichkeit, durch spezifische, auf diese Bedingungen abzielende Interventionen die Wahrscheinlichkeit terroristischer Entwicklung zu mindern.
Erst auf solch reflexiver Grundlage können rechtsstaatlich vertretbare praktische Konsequenzen empfohlen werden. Insofern militärische Interventionen wirklich unverzichtbar sind, sollten sie mit polizeilicher Intention und Definition, also gerade nicht als genuin kriegerische eingesetzt werden. Zivilgesellschaften sollten sich die Kriegsdefinition nicht aufzwingen lassen. Eine zentrale Bedeutung gewinnen toleranzgeprägte, verständigungsorientierte Diskurse zwischen verschiedenen Religionen und politischen Systemen. Selbst mit militant auftretenden islamistischen Organisationen aller Art sollte, statt sie einfach zu ignorieren oder zu verbieten, der offene und offensive Diskurs versucht, notfalls rechtlich und administrativ erzwungen werden (Schiffauer 2006). Damit könnten gruppendynamische Verselbständigun-gen und Rekrutierungsfelder für Terroristen gemindert werden. Eine umstandslose Repression würde nur zu entsprechendem Ausweichen in den internationalen Untergrund führen. Eine andere praktische Konsequenz wäre eine transkulturell reflektierte Schulsozialisation, die stärker über kulturelle und religiöse Differenzen, zugleich auch demokratische Grundwer-te und Menschenrechte aufklärt. Wenn die zivilen Methoden der Kommunikation und Auseinandersetzung sowohl in der Schule als auch in der weiteren Bildung und Ausbildung stärker betont werden, dann könnte das hinsichtlich der gefährlichen universellen gruppendynamischen Mechanismen präventiv wirken. Vor allem sollte es keine symbolische Überhöhung - und damit Bestätigung - der terroristischen Gruppierungen und ihrer Ideologien geben, indem man ihre Kriegs- und Spaltungs-Mythologie übernimmt, von realer ‚Bedrohung des Staates' oder ‚Krieg gegen die Zivilisation' redet und nach der Devise ‚Der Zweck heiligt die Mittel' gar die rechtsstaatlichen Prozeduren aushöhlt.

Literatur
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Böllinger, Lorenz: Lebenslaufanalysen von Terroristen. Möglichkeiten und Grenzen qualitativer Sozialforschung. In: Kerner, H.-J./Kury, H./Sessar, K. (Hg.): Deutsche Forschungen zur Kriminalitätsentstehung und Kriminalitätskontrolle. Köln/Berlin/Bonn/München 1983 (Carl Heymanns Verlag), S.681-706.
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Schiffauer, Werner: Verfassungsschutz und islamische Gemeinden. In: Kemmesies, Uwe (Hrsg.): Terrorismus und Extremismus - der Zukunft auf der Spur. München 2006, S.237-254.
Todenhöfer, Jürgen: Terrorismus in Afghanistan. Süddeutsche Zeitung, Magazin v. 31.01.2009, S.18-23.


Lorenz Böllinger, FB Rechtswissenschaft der Universität, 28334 Bremen
boe@uni-bremen.de

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